Am Start ging es extrem gedrängt zu, und so verabschiedete ich Kathy mit einem letzten Kuss, also trotzdem noch weitere Starter in die Aufstellung drängten. Nico fand sich in den letzten Minuten vor dem Start ein, und zwängte sich noch Seitwärts ins Feld, worauf es auch schon los ging. Die Masse setzte sich langsam in Bewegung, und zum Start wurde auch gleich mein erstes Vorurteil aufgeräumt: das Burgenland ist alles andere als flach. Mitten in der Steigung fangen sie rings um mich zu keuchen an - so schlimm war's dann bitte auch wieder nicht. Die Hälfte der Fahrer klingt, als würden sie niemals oben ankommen. Gut für mich.
Ich hatte einige Probleme ins Rennen zu finden. Im Triathlon fährt das Feld nicht so eng, und Du hast genügend Platz, um auch einmal einen Schlenkerer zu machen. Wenn Du in einem Pulk von 200 Radlern die Lenker an Lenker an Hinterreifen und was weiß ich noch alles fahren, sind Schlenkerer einfach nicht drinnen. Dazu kommt, dass sich die unterschiedlichsten Stufen des Fahrkönnens vermischen, und das nicht unbedingt völlig reibungslos. Wenn zwanzig Leute links neben Dir draufkommen, dass ihnen mitten im Überholen auf dem linken Fahrstreifen der Bundesstraße ein Auto entgegenkommt, ist zunächst einmal kurz Panik angesagt, und kurz darauf Unterhaltung garantiert. Auch wenn Du schon komplett auf Kuschelkurs mit dem Nachbarn unterwegs bist - es geht gleich noch enger. Bei 40km/h ist das aber nur teilweise lustig.
A propos vierzig - die ersten vierzig Kilometer habe ich Nico immerhin noch von Hinten gesehen. Dann bin ich leider irgendwo bei Fertöd von der Gruppe abgerissen. Ich hätte nicht gedacht, dass es derart viel Konzentration erfordert, an einem Pulk dran zu bleiben. Leider war ich grade auf mein Powergel konzentriert, und als ich endlich den Silberpapierdlverschluss mit den Zähnen aufgefudelt hatte waren sie auch schon weg. Von da an begann der weniger gute Teil der Veranstaltung. Zwar war es eine ziemliche Erleichterung nicht mehr von einem Haufen Wahnsinniger umringt zu sein, doch habe ich eines ganz schnell bemerkt: wenn die Gruppe weg ist, ist sie weg, und Du kannst es nicht mehr ändern. Ich habe noch ein paar Mal versucht, dem schnelleren Pulk mit ein paar Sprints nachzukommen, aber schon 100 Meter Distanz können sich als ziemlich unüberwindbar herausstellen.
Kurze Zeit später hatte ich wieder Grund zur Freude. Der Südwind bläst immer noch von Süden, und mich daher direkt in Richtung Norden. Rückenwind also. Mit knapp 50km/h fege ich über die Grenze immer in Richtung Illmitz, der ersten Labestation entgegen. Leider habe ich sie niemals gefunden. Bin wohl im Geschwindigkeitsrausch vorbeigesegelt. Meine Flasche mit Iso hatte ich gerade ausgenuckelt, als ich die Opferflasche* zuversichtlich in den Straßengraben katapultierte. Dummerweise lag die ersehnte Labestation zu diesem Zeitpunkt schon hinter mir, und das sollte mir auch zwei Kilometer später schlagartig klar werden. Da erinnerte ich mich nämlich an einen Radler, der mit einer Banane in der Hand von einer Busstation in die Rennstrecke einbog. Ah, daher kam also die Banane. Dort, wo jetzt mein Wasser steht. Super. Ich machte mich auf 40 trockene Kilometer gefasst.
Die Sonne hat natürlich sofort ihr bestes gegeben, doch ich muss ehrlich sagen, dass es nur halb so wild war. Ich war dafür extra lang nicht Lulu, obwohl ich ca. seit dem fünften Rennkilometer das Gefühl nicht los wurde, jemand hätte heimlich eine Melone in meiner Blase deponiert. Nur schön alles drin lassen. Die Stadien von dringend Lulu müssen sind:
- Unwohlsein
- Unruhe
- große Unruhe
- stechende Schmerzen
- Resignation
- Nein! Ich gebe nicht auf!
- Unglaubliche Unruhe
- Taubheit
- stechende Schmerzen
- usw.
"Breitenbrunn! Oh Engelsstimmen verkündeten deinen Namen, ein Klang wie Samt, süßes Wasser der Kehle des Verdurstenden zu versprichst!" Das, oder so etwas ähnliches habe ich mir gedacht, als ich endlich das Ortsschild gesehen habe, denn da war ich wirklich schon am letzten Fetzen unterwegs. Nicht zuletzt auch deswegen, weil ich mir bereits seit fast 20 Kilometern einen erbitterten Zweikampf mit einem Typen auf einem blauen Vollkarbon-Pinarello lieferte. Er fuhr wie die Hölle, und ich wollte eh schnell zum Wasser. Beinahe hätte ich die Labe wieder verpasst, die sie diesmal geschickt in einer Nebenfahrbahn versteckt hatten. Stellt's das nächste Mal doch bitte zumindest ein deppertes Schild auf! Ich mal Euch auch welche!!!1!!11!1!!2
Gegen Ende kann man die fortwährenden Sprints recht gut erkennen. Weder der Blaue noch ich wollten locker lassen.Frisch aufgetankt hatte ich meinen blauen Erzfeind kurze Zeit aus den Augen verloren, doch bald war er wieder eingeholt. Zwei ohne Gruppe, die sich gegenseitig aufreiben. Noch etwas, das ich heute gelernt habe: als Triathlet bin ich Einzelkämpfer. Radfahrer sind Herdentiere. Ohne Gruppe bist Du komplett verloren, und besonders dann, wenn der Gegenwind einsetzt, der dich zuvor noch mit knapp 50km/h die Halbkugel hinauf geschoben hat. Und nein, zwei sind in dem Sinne keine Gruppe.
Jedenfalls haben wir uns unablässig über die letzten 40 Kilometer gefightet, und ab und zu auch einmal ein paar andere kurz mitspielen lassen. Der nächste Malus des Einzelgängers: wenn Deine Gruppe weg ist, kriegst Du auch keine neue mehr, die brauchbar ist. Wenn Du im Alleingang einen Pulk einholen kannst, sind die ohnehin schon komplett meier - warum solltest Du denn sonst auch schnell genug sein.
Nach einer Unendlichkeit an Landstraße, gepeitscht von einem der bösesten Gegenwinde, die ich jemals gefahren habe, war endlich das Ziel in Sicht. Um mich herum eine Vierergruppe, und dreihundert Meter vor mir das Ziel. Ich war bereits völlig am Ende, und das war wiederum völlig egal. Das war einer der besten Zielsprints, die ich jemals geliefert habe, auch weil ich den Blauen um eine Radlänge vaporisiert habe. Einmal noch voll andrücken auf knapp 50km/h, rechts vorbei und schön war's!
Nico war freilich schon neun Minuten vorher da. Nachdem er ziemlich lange ander Spitze seiner Gruppe gefahren ist, war das eine ziemlich beeindruckende Leistung. Ich selbst bin mit meiner Platzierung 351 von über 841 Männern (Nico hat Platz 269) sehr zufrieden. Dafür dass ich den Überwiegenden Teil ohne Gruppe gefahren bin, habe ich mich gut gehalten. 3:48:16 lautet die Bruttozeitnehmung, und das ergibt einen Schnitt von 33km/h. Unterm Strich stehen außerdem 4860kcal am Plan. Hat sich also voll ausgezahlt. Nächstes Jahr wieder? Ich weiß noch nicht sicher.
* das ist die vergammelte alte Trinkflasche, die man zu einem Sportevent mitnimmt, um sie durch eine neue, coole [Beliebigen Sportnahrungshersteller hier einsetzen]-Flasche von der Labestation zu ersetzen.
