22 Juni, 2009

Der Tag, an dem wir Hermann töteten

Heute fühle ich mich irgendwie dazu bemüßigt, ein dunkles Kapitel meiner Jugend wieder aufleben zu lassen. Als ich 15 war (also vor etwa fünf Jahren) kam irgendwann jemand mit einem Hermann an. Hermann war damals noch nicht negativ belegt, außerdem ein Teig, also ziemlich ungefährlich, und vor allem uninteressant. Leider war Hermann ziemlich schnell viel beliebter als zum Beispiel ich selbst, und wurde mit großer Begeisterung von allen Mädels im Freundeskreis in Dauerschleife gebacken. Kuchen gebacken zu bekommen gehört jetzt nicht zu den schlimmen Dingen im Leben. Leider war Hermann geschmacklich so attraktiv wie ein Stück Bimsstein nach einer Fußbehandlung, und obwohl meine Sandkistenfeundin Monika wirklich ein lukullischer Hotshot ist, brachte auch sie es nicht fertig, den Schlatz durch Hocherhitzen irgendwie essbar zu gestalten.

Was ursprünglich aussieht wie ein ordentliches Bäuerchen gewinnt durch Austrocknung im Backofen auch nicht mehr wahnsinnig

So begab es sich, dass ihr Bruder Richard und ich gemeinsam für sehr lange Zeit sehr viel Hermann vorgesetzt bekamen, und darunter auch sehr gelitten haben. Monika schien die würgenden und keuchenden Essgeräusche als Wohlgefallen fehlzuinterpretieren. Vielleich hat sie sich auch gedacht: "wäh, wie kann einem das Zeug nur schmecken". Jedenfalls fanden wir uns in einer fatalen Teufelsspirale der Backtradition wieder - und jetzt sag mal deiner besten Freundin nach dem fünften Hermann, dass Du lieber einen Blumentopf essen würdest.

Richard und ich waren uns einig, und der Entschluss schnell gefasst: wir werden Hermann töten. Dazu kippten wir eine ordentliche Menge Salz und Pfeffer, getrockneten Knoblauch und alle anderen Gewürze in den Teig, die gerade im Küchenschrank zu finden waren. Nachdem alles gut eingerührt war, stellten wir Hermann wieder an seinen Lieblingsplatz, mit dem Gewissen, dass er elend an Gewürzvergiftung zu Grunde gehen würde.

Eine eventuelle Verwendung als Ersatzreifen wäre denkbar

Ich kann mich nicht erinnern, ein derartiges Gefühlschaos jemals wieder durchlebt zu haben: einerseits war ich von Schuldbewusstsein und schlechtem Gewissen gequält, andererseit hab ich mich fast nass gemacht, als Monika uns mit ernster Miene über Hermanns dahinscheiden informierte. Da darf man dann natürlich nicht laut loslachen.

Erst vor einem Jahr habe ich Monika erzählt, was dem armen Hermann wirklich passiert ist. Es hat sie nicht sehr aufgeregt. Ich glaube sie hat es mittlerweile schon ganz gut überwunden. Wahrscheinlich weiß sie aber, dass ich mit der Angst lebe, das einer der anderen Hermänner überlebt hat, und eines Tages zurückkehren wird, um sich an mir zu rächen.