07 Juli, 2009

Ironman Austria 2009

Wie heißt es so schön vollmundig: was lange währt, wird endlich gut. Was lange dauert wird aber nicht unbedingt besser dadurch. Die Retrospektive eine zwolfstündigen Lektion über Ziele, Motivation und Demut.

Im letzten Trainingsbuch, das ich gelesen habe, steht bei der Definition von sportlichen Zielen:

"Have a burning desire to achieve it."

Was macht man, wenn man kein burning desire hat, etwas zu achieven, sondern nur irgendwie seine Vohrjahreszeit hinbiegen will? Der Weg führt direkt ins Jammertal, aber dort gibt es neben steinigen Prüfungen und endlosen Selbstzweifeln zumindest auch etwas zu lernen.

Immer an meiner Seite, und wenn nicht dort, dann mit einem wachsamen Auge wenige Meter hinter mir.

Eines der letzten Glieder der konsequenten Fehlerkette findet sich am Vorabend des Ironman im Gasthaus Pisl. Zu dritt eine doppelte Portion Kaiserschmarrn bestellt, und eine monumentale, ja, erschreckende Mega-Pfanne mit ca. zehn (!!!) Portionen serviert bekommen. Da will man natürlich nicht den Schwachen markieren und greift ordentlich zu. Die Kurzversion ist, dass ich mich heillos überfressen habe, und mit ordentlichem Magendrücken ins Bett gelegt hab. Um vier Uhr läutet der Wecker, und mein Magen macht mir deutlich: Frühstück? Sicher nicht. Alles was reingeht, kommt sofort wieder raus. Irgendwie mümmel ich doch eine Marmeladesemmel runter, und siehe da: es wird besser.

Diesmal gab es statt einem simplen Startschuss eine Art mini-Feuerwerk

Bis sieben Uhr sind es dann die normalen Startvorbereitungen, die mich auf Trab halten. Kathy tut ihr Bestes mir alles abzunehmen, was mich stressen könnte, und parkt sogar genialer Weise gleich das Auto um, damit ich nach dem Wettkampf nicht kilometerweit Hatschen muss. Einen Abschiedskuss und prickelnde Anfangsnervosität später stehe ich dann endlich in der Gummihaut an der Startlinie. Ich bin mit Nicos Vorschlag, und bei den langsamen hinzustellen und dann vorzuschwimmen nicht zufrieden. Ich gehe aber auch nicht weiter nach oben. War keine gute Idee. Mit dem Startschuss beginnt eine absolute Watschenpartie. Nie, nie, niemals wieder wird man mich im Anfängerbereich finden. Die sind ja alle komplett Gaga. Ich bin noch nie dermaßen hart und ausgiebig abgewatscht worden, und es hat ewig gedauert, einen halbwegs ruhigen Platz im Pulk der panischen Rookies zu finden. Dann haut das Schwimmen gut hin, und ich komme Endlich auf einen ruhigen Zug. Im Lendkanal gibt's dann noch das große Finale, als ein Oberspastiker plötzlich mitten in der Menge anfängt Brust zu schwimmen, und mit geradeaus mit dem rechten Fuß ins Gesicht tritt. Nur nicht aufregen... kein Blut, nix passiert, und der macht das ja nicht absichtlich. Hat trotzdem Glück gehabt, dass es im Wasser keine Startnummern gibt.

Naja, vorher kann man immer locker grinsen.

Aus dem Wasser heraus gab es dieses Jahr ganz schönes Gedränge in der Wechselzone. Ich hatte Probleme einen Platz zu finden, an dem ich mich überhaupt umziehen konnte. Nachdem endlich ein Platz zwischen den Nackerten gefunden war (ich versteh immer noch nicht, warum sich manche Leute ganz ausziehen), ging's ab auf die Radstrecke, und dort lief es zunächst super. Die ersten 90km habe ich mit 32,6km/h Schnitt in den Asphalt gebrannt, was bei 800 Höhenmetern sehr zufriedenstellend ist. Die Minute, die mir zur Vorjahreszeit fehlt, kam von einer Panne - meiner ersten überhaupt bei einem Wettkampf. In einem Bergabstück ist mir die Kette vom hinteren Kranzl gesprungen, und hat sich komplett verklemmt. Mit unsanften Herumreißen ließ sie sich aber wieder freiwerkeln.

Die zweite Runde begann zunächst auch noch vielversprechend. Allerdings meldeten sich schon bei den kleineren Anstiegen die Oberschenkel ein wenig, der Magen protestierte immer mehr, und die schwüle Hitze machte mir zu schaffen. Ich griff bei ausnamslos jeder Labestation zu Wasser, um mich irgendwie zu kühlen. Powerbars essen war definitiv nicht mehr drinnen, also habe ich mich mit Bananen durchgeschlagen. Auf der Radstecke kam ich somit auf eineinhalb Powerbars und etwa zweieinhalb Bananen. Das macht eine Aufnahme von etwa 550kcal bei einem Aufwand von ca. 7.000kcal, und ist keine gute Basis für alles, was noch folgt. Die zweite Runde hat sich jedenfalls ziemlich gezogen, und ich war wirklich froh vom Rad zu kommen.

Dann ging es ab auf die Marathonstrecke. Meine Vorfreude war mehr als gedämpft, nachdem durch die schlechte zweite Runde klar war, dass die Vorjahreszeit nicht zu halten sein würde. Von Laufen kann aber in diesem Zusammenhang ohnehin nicht mehr die Rede sein, da ich immer wieder ziemlich lange Gehpausen eingelegt habe. Wenn ich mich dann doch zum Laufen motivieren konnte, waren gerade mal Geschwindigkeiten um die 6 Minuten pro Kilometer drinnen, also quasi schnelles Stehen. Ab dem neunten Kilometer war es schließlich komplett vorbei, und ich wusste: alles, was jetzt kommt, dauert lange, ist unangenehm und macht keinen Spaß. Da ich meine Motivation leider fast ausschließlich aus potentiellen Bestzeiten ziehe, kann sich jeder vorstellen, was passiert, wenn ganz klar ist, dass es diesmal um mindestens eine halbe Stunde daneben geht. Kathy, meine Eltern und Susanna & Friends standen am Streckenrand bereit um mich anzufeuern, aber an ihren Eltern war klar abzulesen, dass ich auch nach Außen hin bereits aufgegeben hatte. Und das Thema hat mich auch die nächsten Stunden begleitet. Wozu weitermachen, wenn eh nur mehr eine absolut uninteressante Zeit drinnen ist? Warum gebe ich mir 240 Stunden Vorbereitungszeit, quäle mich in der Früh auf, geh am Abend völlig kaputt laufen, um dann hier bei tropischen Klimaverhältnissen einen Marathon abzulatschen?

Motivatin in Kreide, die leider der Regen mit sich genommen hat

Der Kampf, nicht einfach das Handtuch zu werfen, war definitiv eine der härtesten Herausforderungen, die ich bisher zu meistern hatte. Kathy hat es auf die Strenge versucht, und mich gnadenlos weiter zum Laufen angetrieben. Ich war in etwa so kooperativ wie ein bockiger Esel, und konnte mich erst nach minutenlangen Wortschwällen zu etwas in Richtung sanftem Joggen motivieren. Nach zwei Minuten Joggen fängt dann der Magen an zu rotieren, die Ohren rauschen, und eigentlich ist das alles eh sinnlos. Have a burning desire to achieve it? Have a burning desire to quit! Aber wie könnte ich dann jemals wieder ein Leiberl anziehen, auf dem steht: "I never give up!". Geht dann nicht mehr. Außerdem: einmal aufgeben, und die Hemmschwelle ist weg.

Irgendwann, nachdem ich hunderte Male von Kathy, Eltern und Zuschauern aufgefordert wurde, doch endlich weiter zu laufen, meldete sich Philippe. Ich war definitiv schon weit hinter dem Punkt, an dem man es einfach nicht mehr hören kann: "Lauf weiter, nicht gehen". Philippe hatte einen komischen Akzent, sprach fürchterliches englisch, und richtig übel nehmen konnte ich es ihm auch nicht. So liefen wir die letzten 14 Kilometer zusammen. Ich habe ehrlich überhaupt keine Ahnung mehr, was er mir erzählt hat, aber es war scheinbar halbwegs motivierend. Immerhin konnte ich ihn auch aus ein paar Gehpausen herausreissen. Der beste Part war allerdings jener, an dem er mir erklärt hat, dass er den Teil bei dem alle gehen am besten findet, weil die Stimmung so faszinierend ist. Das muss der Kulturunterschied sein, weil ich persönlich interessiere mich gar nicht dafür. Ich fand immer den Teil am besten, in dem ich scheinbar mühelos Richtung Ziel segle, und mich wundere, warum alles so gut läuft. Spannend zu sehen, was Motivation so alles ausmacht.

Ich hatte noch nie einen derart heftigen Sonnenbrand. Es tut heute noch ordentlich weh :(

Im Nachhinein bin ich natürlich trotzdem froh, nicht aufgegeben zu haben. Das wäre eine undenkbare Schmach gewesen. Und dann wäre das Training tatsächlich umsonst. So bleibt mir immerhin eine Medaillie, und die Erkenntnis, dass auch im Triathlon nichts ohne die richtige Motivation geht. Und die Bewunderung für alle, die mich trotzdem noch angefeuert haben. Ich hätte mich ziehen lassen. Wer nicht will, der hat schon. Am Ende bleibt mein erster echter Ironman. Kein Sonntagsspaziergang wie das letzte Jahr. Echter Kampf, knapp vor dem Aufgeben, und trotzdem zu Ende gebracht. Eine unbezahlbare Lektion. Und es gibt sicher ein nächstes Mal, aber nicht im nächsten Jahr.